Fokus aufs Kind, nicht auf die Technik: Fünf Fragen zu individuellem Lernen mit digitalen Medien

Zum Jahresende möchten wir Ihnen einen sehr interessanten Artikel der Bundeszentrale für Politische Bildung zum Thema Individuelles Lernen mit digitalen Medien nicht vorenthalten. In vielen Schulen wir diese Art des Lernens noch Zukunftsmusik sein, dennoch ist es spannend welche Perspektiven es gibt und was jetzt schon möglich ist. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen, schöne Weihnachtsfeiertage und einen guten Start ins neue Jahr. Ihr Medienzentrum Barnim

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Der Beitrag bezieht sich auf die Fachtagung „One App Fits All? Individuelle Förderung und personalisiertes Lernen im digitalen Wandel“ des Forum Bildung Digitalisierung in Kooperation mit Die Deutsche Schulakademie am 20. September 2017 in Hamburg.

Eine Künstliche Intelligenz, die Klassenarbeiten korrigiert, ein Kollegium, das sich gegen die Nutzung von Lernplattformen sträubt und Lernende, die ihren Wissenserwerb selbst in die Hand nehmen – individuelles Lernen mit digitalen Medien hat viele Facetten.

Eine Schülerin der 9. Klasse schreibt ein Essay in das Textfenster ihres Browsers. Mit einem Klick auf "Feedback" erhält sie in Sekundenschnelle eine detaillierte Rückmeldung zu Rechtschreibung, Inhalt, Grammatik und Stil. Zukunftsmusik? Nein. Auf der Fachtagung "One App Fits All? Individuelle Förderung und personalisiertes Lernen im digitalen Wandel" zeigte Dr. William Bonk das Tool WriteToLearn: Die dahinterliegende Künstliche Intelligenz (KI) liefert per Mausklick ein qualitativ hochwertiges Feedback, für das eine ausgebildete Lehrperson pro Schülerin oder Schüler eine halbe Stunde brauchen würde. Der oder die Lehrende, so Bonk, habe durch die Unterstützung der KI nun die Möglichkeit, sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern – nämlich auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Schülerinnen und Schüler einzugehen.

Die Vorstellung von WriteToLearn war Teil des Flipped Marketplace mit internationalen Expertinnen und Experten. Im Rahmen der Input-Vorträge wurden viele Fragen zum Thema individuelle Förderung im Zeitalter der Digitalisierung diskutiert. Fünf davon haben wir hier zusammengetragen.

1. Was sind die Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Implementierung?

Von den anwesenden Lehrenden und Schulleitungen wurden als zentrale Bedingung und zugleich Herausforderung die geeignete technische Infrastruktur genannt. Wo eine stabile Internetverbindung und entsprechende Hard- und Software bereits zur Verfügung steht, ist dann vor allem die (gemeinsame) Haltung des Kollegiums ein Thema: Haben alle die gleichen Vorstellungen von Leistung, Vielfalt und ihrer eigenen Rolle als Lehrperson? Dies sei, so etwa Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel von der Technischen Universität Dortmund, eine der wesentlichen Gelingensbedinungen individueller Förderung mit digitalen Medien.

Möglicher Ansatz: "Lassen Sie sich Zeit", sagt die Wissenschaftlerin Stamatina Anastopoulou von The Open University. Ihre Studien haben ergeben, dass digitale Strategien zur individuellen Förderung erst zwei Jahre nach Beginn der Implementierung wirklich erfolgreich sind.

2. In welchen Bereichen findet Individualisierung überhaupt statt?

Individualisierung in der Bildung findet auf drei Ebenen statt: in Bezug auf Inhalt, Lehr- und Lernstrategien sowie im Bewertungskontext. Verschiedene Programme, Module und Tools lassen sich auf die Bedürfnisse der jeweiligen Schule, Klasse, Lehrperson oder den einzelnen Lernenden
Möglicher Ansatz: Bernhard Meffert, Schulleiter des Raiffeisen-Campus’, meint: Nicht alles auf einmal wollen. Er selbst arbeitet an seiner Schule mit der Lernplattform itslearning und hat das Tool zunächst nur als „schulinternes Facebook“ für die Kommunikation im Kollegium etabliert – für ihn der zentrale Punkt. Mit der Zeit wurden immer mehr Nutzungsoptionen hinzugefügt und erst nach einem Jahr wurde das Tool für die Schülerinnen und Schüler geöffnet.

3. Was passiert mit den Daten der Schülerinnen und Schüler?

Wenn nicht im Klassenzimmer, so kommunizieren Lehrende und Schülerinnen und Schülern per E-Mail – während der Klassenfahrt vielleicht sogar über den mobilen Chatdienst WhatsApp. Fatal, wenn man sich diesen Umstand einmal aus datenschutzrechtlicher Perspektive anschaut. Die bei der Fachtagung vorgestellten Tools und Plattformen dagegen seien sicherer als unverschlüsselte Mails, so die einhellige Meinung der anwesenden Fachleute. Und das sei schließlich das A und O für den Schutz der Lernenden.

Möglicher Ansatz: Am Raiffeisen-Campus beispielsweise wurde itslearning vor dem Einsatz von unabhängigen Datenschutzbeauftragten überprüft. Nur mit einem abgesicherten Datenverkehr wurde die Lernplattform auch für Schülerinnen und Schüler geöffnet.1

4. In welchen Bereichen dürfen die Lernenden, in welchen die Lehrenden entscheiden?

Individuelles Lernen ja, zu viel Freiheit nein: Auch, wenn Lernende beim individuellen Lernen viel eigenverantwortlich arbeiten, sich selbst oder einander überprüfen und Entscheidungen über den eigenen Lernweg treffen können (etwa mit welchem Thema sie im Sprachunterricht die Vergangenheitsform lernen möchten), so sind dennoch Rahmensetzungen nötig, um den curricularen Lernfortschritt zu erreichen.

Möglicher Ansatz: Vorher genau festlegen, was die Schülerinnen und Schüler selbst bestimmen dürfen und was nicht! Eine Möglichkeit stellte in diesem Zusammenhang Johannes Zylka vor. Der Lernbegleiter an der Allemannenschule Wutöschingen arbeitet mit der Open Source Lernplattform DiLer und nutzt dort das Prinzip einer Matrix in Form von digitalen Stempelkarten. Diese geben den Schülerinnen und Schüler eine klare Zielsetzung und einen Verlaufsplan an die Hand und lassen gleichzeitig Luft für individuelle Schwerpunktsetzung und Vertiefung.

5. Liegt der Fokus auf dem Kind oder der Technik?

Materialien einpflegen, Accounts verwalten, mit Passwörtern jonglieren – neue Technologien erfordern Arbeit und Pflege und bieten nur dann einen Mehrwert, wenn man sie richtig verwendet. Dann nämlich ergeben sich Effekte wie Zeitersparnis und Effizienz, eröffnen sich Räume für individuelle Begegnungen und Lernbegleitung.

Möglicher Ansatz: Die Technik ist lediglich eine Möglichkeit, individuelle Förderung zu stärken, mehr "Netto-Gesprächszeit" (Bernhard Meffert), Begegnung zu ermöglichen und Beziehungen zu stärken sind andere.

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-sa/4.0

1 Im Landkreis Barnim ist an 18 Schulen die Lernplattform www.lernen.barnim.de im Einsatz. Diese ist ähnlich wie itslearning. Sie haben Interesse diese Plattform näher kennenzulernen? Gerne stellen wir Ihnen diese vor.